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So stellst Du Deinen inneren Selbstkritiker zufrieden, ohne Dich über andere zu stellen

Seit vielen Jahren leide ich darunter, zu wenig Selbstvertrauen zu haben. Ich arbeite schon lange daran, daran etwas zu ändern, aber ich konnte nie einen durchgehenden Erfolg erzielen. Stattdessen habe ich gemerkt, dass mein Selbstvertrauen stark tagesformabhängig ist. Und minimale negative Einflüsse von außen, wie z.B. Kritik, können mich für den Rest des Tages völlig aus der Bahn werfen. Keines der zahlreichen Bücher, die ich zum Thema Selbstvertrauen im Allgemeinen oder zu einzelnen Aspekten wie sozialer Kompetenz bisher gelesen habe, konnte mir einen Weg aufzeigen, mein Selbstvertrauen dauerhaft zu erhöhen.

Vor ein paar Monaten hat mir jedoch ein Buch die Augen geöffnet: “Self-Compassion” von Kristin Neff. Mein niedriges Selbstvertrauen ist nur ein Symptom, dessen Ursache darin liegt, wie ich mit mir selbst umgehe. Dass mein innerer Selbstkritiker ein richtiger Arsch ist, hat fatale Auswirkungen auf mein Selbstvertrauen. In der Vergangenheit hat die Psychologie vorgeschlagen, direkt an seinem Selbstvertrauen zu arbeiten, um den inneren Selbstkritiker zufrieden zu stellen. Dieser Weg ist mittlerweile sehr umstritten. Denn hohes Selbstvertrauen geht oft mit negativem Verhalten anderen gegenüber einher. Man fühlt sich besser, wenn man sich anderen überlegen fühlt. Man muss überdurchschnittlich sein, um sich gut zu fühlen. Dass nicht jeder überdurchschnittlich sein kann, liegt auf der Hand.

Kristin Neff schlägt einen anderen Weg vor, wie man mit seinem inneren Selbstkritiker fertig werden kann: Selbstmitgefühl. Dieses hat die gleichen Vorteile wie hohes Selbstvertrauen, hauptsächlich den Schutz vor harscher Selbstkritik. Dabei hat es aber den Vorteil, dass man sich für Selbstmitgefühl nicht über andere Menschen stellen muss. Man muss keine sozialen Vergleiche anstellen oder andere verurteilen, um sich gut zu fühlen.

Selbstmitgefühl besteht aus drei Komponenten: Selbstliebe, gemeinsame Menschlichkeit und Achtsamkeit. Bei der Selbstliebe nimmt man seinen inneren Selbstkritiker wahr und ersetzt seine harsche Mitteilung durch etwas freundliches. Man redet mit sich selbst, wie man mit einem guten Freund reden würde. Gemeinsame Menschlichkeit bedeutet, dass man wahrnimmt, dass man mit seinem Problem nicht allein ist. Die Gefühle und Emotionen sind menschlich, jeder Mensch in der gleichen Situation würde sich genauso fühlen. Es gibt also keinen Grund, sich selbst dafür zu verurteilen. Die dritte Komponente ist Achtsamkeit. Das bedeutet, dass man ausgeglichen auf negative Gefühle und Emotionen reagiert und nichts unterdrückt oder überbewertet.

Seit ich das Buch gelesen habe, versuche ich nicht mehr aktiv, mein Selbstvertrauen zu erhöhen. Stattdessen versuche ich, mich zu akzeptieren wie ich bin. Das führt dazu, dass ich mich nicht mehr selbst verurteile und dass ich mir nicht die ganze Zeit vorstelle, dass mich alle anderen verurteilen. Das klappt noch nicht immer, der Erfolg unterliegt nach wie vor tagesformabhängigen Schwankungen. Ich spüre aber schon, dass mich Kritik oder andere Meinungen nicht mehr so stark und so lange aus der Bahn werfen wie vorher. Ich hoffe, dieser Trend setzt sich in Zukunft weiter fort.

In der Vergangenheit kam es öfter vor, dass ich mich über mehrere Tage schlecht gefühlt habe und schlechte Laune hatte. Das hatte immer damit zu tun, dass ich mit mir selbst unzufrieden war, mich selbst verurteilt und beschimpft habe und so schnell nicht wieder aus dem Tief herausgekommen bin. Außerdem war ich immer der Meinung, dass andere Menschen genauso über mich denken wie ich selbst über mich denke. Seit ich das Buch gelesen habe, habe ich eine solche Episode nicht mehr gehabt. Während des Lesens und direkt danach war mir noch nicht klar, welchen Einfluss das Buch auf mich haben würde, und zwar auch jetzt noch Monate nachdem ich das Buch beendet habe.

Es hat auch einen Anteil daran, dass ich mich wieder dazu entschlossen habe, regelmäßig zu schreiben und dass mein innerer Kritiker mich nicht daran hindern kann, meine Artikel zu veröffentlichen. Das gilt insbesondere für die persönlicheren Artikel, in denen ich viel von mir preisgebe.

Leidest Du auch unter niedrigem Selbstvertrauen? Mich würde interessieren, wie Du damit umgehst und welche Strategien du verfolgst, um etwas dagegen zu unternehmen. Ich freue mich über Deine Antworten in den Kommentaren. Bitte teile den Artikel in Deinem Netzwerk, wenn er Dir gefallen hat. Du kannst mir außerdem auf Twitter folgen.

self confidence.jpg” by Andreas Steinkogler is licensed under CC BY-NC-ND 2.0.

Warum verachte ich Menschen, die ich nicht mal kenne?

Seit vielen Jahren lehne ich einen Schlag Menschen vom ersten Moment an ab: Menschen, die in Gruppen selbstbewusst auftreten, laut reden und lachen, Witze reißen, alle mit einbeziehen, im Mittelpunkt stehen. “Was glaubt der eigentlich, wer er ist?” und “Alles, was der von sich gibt, ist saudumm!” sind typische Gedanken, die bei mir in solchen Situationen aufkommen.

Neulich waren wir zu einer Feier eingeladen, an der Kinder aus der Kita sowie deren Eltern teilgenommen haben. Ich kannte die anderen Eltern allenfalls vom sehen. Auf dieser Feier gab es einige Väter, die genau wie oben beschrieben aufgetreten sind. Und bei mir sind genau die oben beschriebenen Gedanken aufgekommen. Ich hatte sofort eine Abneigung gegen diese Väter, ohne überhaupt mit ihnen gesprochen zu haben. Ins Gespräch kommt man logischerweise mit dieser Abneigung im Kopf nicht.

Nach der Feier sind mir viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Woher kommt diese reflexartige Abneigung gegen Menschen, die ich nicht einmal kenne? Ich erinnerte mich an das Buch “Self-Compassion: Stop Beating Yourself Up and Leave Insecurity Behind” von Kristin Neff, das ich vor kurzem gelesen hatte. Neff beschreibt das Phänomen, dass Menschen, die eine bestimmte Eigenschaft an sich nicht mögen, automatisch andere Menschen ablehnen, die diese Eigenschaft meistern. Das Phänomen heißt sozialer Vergleich. Dabei distanzieren wir uns von Menschen, deren Erfolg uns schlecht gegenüber uns selbst fühlen lässt. Ich glaube, so ist das bei mir auch.

Ich kämpfe seit vielen Jahren dagegen an, dass ich es nicht schaffe, mich in Gruppensituationen, insbesondere mit fremden Menschen, aktiv einzubringen. Die oben genannten Menschen können das offensichtlich. Der soziale Vergleich, der in meinem Kopf stattfindet, führt dazu, dass ich mich schlecht fühle. Deshalb sind mir diese Menschen sofort unsympathisch. Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass die Väter auf der Party überhaupt nicht unsympathisch waren, sondern eigentlich ganz ok.

Kristin Neff schlägt in ihrem Buch eine Lösung für dieses Problem vor: Selbstmitgefühl. Konkret bedeutet das, nicht die ganze Zeit Fehler an sich zu suchen und verbessern zu wollen, sondern sich selbst stattdessen so zu lieben und zu akzeptieren, wie man ist. In meinem Fall bedeutet das, dass ich die Schwierigkeiten in Gruppensituationen als Teil von mir selbst anerkenne und ebenso würdige, dass diese Eigenschaft menschlich ist. Ich bin mit diesem Problem nicht allein. Es gibt auf der Welt viele Menschen, die das gleiche Problem haben. Es gibt also keinen Grund, mich dafür zu kritisieren und zu verurteilen.

Ich bin überzeugt davon, dass der Reflex, selbstbewusst auftretende Menschen abzulehnen, verschwindet, wenn ich es schaffe, meine Introvertiertheit und Schüchternheit als Teil von mir selbst zu akzeptieren. Wenn das der Fall ist, fehlt mir im Vergleich zu den extrovertierten und selbstbewussten Menschen nichts mehr. Ich könnte viel entspannter an solche Situationen herangehen, nämlich ohne mich selbst unter Druck zu setzen, etwas beitragen zu müssen. Ironischerweise würde es mir ohne diese Druck vermutlich sogar leichter fallen, mich in die Gruppe einzubringen.

Gibt es Menschen mit bestimmten Eigenschaften, die Du ablehnst, weil Dich der soziale Vergleich schlecht fühlen lässt? Was ist Deine Strategie dagegen? Ich freue mich über Deine Antworten in den Kommentaren. Bitte teile den Artikel in Deinem Netzwerk, wenn er Dir gefallen hat. Du kannst mir außerdem auf Twitter folgen.

Was wäre, wenn mit dir alles ok wäre?

Ich habe letztens einen interessanten TED-Talk gesehen. Es ging um das Thema „What if There’s Nothing Wrong With You“. Er wurde von der langjährigen Psychotherapeutin Susan Henkels gehalten, die sich immer und immer wieder angehört hat, was mit den Menschen nicht stimmt. In vielen Fällen versuchte sie tiefer zu bohren, indem sie immer wieder zurückfragte, was denn schlimm daran sei. Die Antwortkaskade führte irgendwann zu einem Punkt, an dem dem Patienten klar wurde, dass der angebliche Fehler in gewissen Aspekten einen positiven Einfluss auf sein Leben gehabt hat. Beispielsweise beschwerte sich ein Patient, dass er große Probleme damit hat, Anschluss und Freunde zu finden. Am Ende gestand er ein, dass er nur durch die viele Zeit, die er allein verbrachte, seine Kreativität voll ausleben konnte und das auf keinen Fall eintauschen wollen würde.

Henkel stellte sich die Frage, ob nicht den meisten Menschen gar nichts fehlte. Klar gibt es ernste psychologische Probleme, die therapiert werden müssen. Viele stören sich aber einfach an Eigenschaften, die kein krankhaftes Problem darstellen. Henkel empfiehlt, öfter die Einstellung „es ist, wie es ist“ zu haben und eine akzeptierende Haltung einzunehmen.

Das Thema berührt mich, weil ich mich ertappt fühle. Ich versuche ständig, irgendetwas an mir zu verbessern. Ich suche regelrecht Probleme an mir. Dann lese ich ein Buch und unzählige Artikel darüber und versuche, mich in diesem Aspekt zu verbessern. Was wäre, wenn ich solche Eigenschaften an mir einfach akzeptieren würde? Ich sehe bei diesem Thema eine starke Verbindung zum Thema „Selbstmitgefühl“, worüber ich gerade das Buch von Kristin Neff lese. Auch Neff empfiehlt, sich selbst so zu akzeptieren wie man ist und nicht immer nach Fehlern zu suchen, die man verbessern kann.

Diese Einstellung ist für mich neu. Ich frage mich, ob es mein Leben verbessern würde, wenn ich das könnte. Ich bin großer Anhänger des lebenslangen Lernens. Bisher ging das für mich immer damit einher, solche augenscheinlichen Probleme an mir selbst zu lösen. Wenn ich damit aufhören würde, könnte ich die Zeit des lebenslangen Lernens dazu nutzen, mir neue Fähigkeiten anzueignen und Dinge zu erfahren, die mich wirklich interessieren. Selbstakzeptanz, Selbstliebe und Selbstmitgefühl scheinen mir Fähigkeiten, nein eher Lebenseinstellungen zu sein, die sich wirklich lohnen und die einen davon abbringen können, in sich ständig Probleme zu sehen.

Wer noch tiefer einsteigen möchte: Susan Henkel hat zu dem Thema auch ein Buch geschrieben.

Fühlst Du dich auch ertappt dabei, ständig Probleme an Dir zu suchen und lösen zu wollen? Ich freue mich über Deine Antworten in den Kommentaren. Bitte teile den Artikel in Deinem Netzwerk, wenn er Dir gefallen hat. Du kannst mir außerdem auf Twitter folgen.

3 verbreitete Ängste beim Schreiben und wie sie überwunden werden können

Ich arbeite gerade daran, eine Schreibgewohnheit zu etablieren. Dafür habe ich den Onlinekurs “30 Days to Better Writing” von Sean McCabe absolviert. In einer der ersten Aufgaben sollte ich aufschreiben, wovor ich beim Schreiben Angst habe.

Beim Gedanken daran, etwas zu erschaffen und zu veröffentlichen sieht sich jeder mit Ängsten konfrontiert. Wenn man sich nicht überlegt, wie man sie überwindet, kann das dazu führen, dass man seine neue Gewohnheit schnell wieder aufgibt oder gar nicht erst beginnt. In diesem Artikel teile ich meine konkreten Ängste und einige Ideen, wie ich sie überwinden möchte.

Angst vor Themenmangel

Ich habe Angst davor, dass mir die Themen ausgehen. Ich habe schon einige Blogs gestartet, aber ich konnte bisher noch keines über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten. Nach einiger Zeit saß ich immer vor meinem Computer und wusste nicht, worüber ich schreiben soll. Letzten Endes sind die Blogs alle irgendwann eingeschlafen.

In “30 Days to Better Writing” habe ich zwei Prinzipien gelernt, wie man diesem Themenmangel vorbeugen kann:

  1. Man sollte sich niemals zum Schreiben hinsetzen ohne vorher zu wissen, worüber man schreibt. Um das zu erreichen, legt man sich am besten einen redaktionellen Kalender an, in dem alle Tage der kommenden Woche aufgeführt sind. An einem Tag der Woche, dem Thementag, denkt man über Themen nach und weist jedem Tag der folgenden Woche ein Thema zu. So weiß man immer, worüber man schreibt.

  2. Bevor man anfängt, seine Artikel zu veröffentlichen, stellt man zunächst 4-6 Artikel fertig. Diesen Vorrat füllt man immer wieder auf, so dass man auch in unproduktiven Zeiten einen regelmäßigen Veröffentlichungsrhythmus beibehalten kann.

Eine andere Möglichkeit, Themen zu finden, ist das Aufschreiben seines Gedankenstroms. Hierbei schreibt man einfach alles auf, was einem gerade im Kopf vorgeht. Das kann erstmal der größte Müll sein. Ich habe diese Übung im Laufe des Kurses häufig durchgeführt und dabei die Erfahrung gemacht, dass sich die eigenen Gedanken dabei sortieren. Es kommt nahezu immer etwas Wertvolles dabei heraus, und sei es nur der Anstoß für ein neues Thema. Nicht alles, was man im Rahmen seiner Schreibgewohnheit produziert, muss veröffentlicht werden.

Angst vor Motivationsverlust

Außerdem habe ich Angst davor, dass mich die Motivation verlässt. Diese Angst hängt eng mit der Angst vor einem Mangel an Themen zusammen. Wenn man das Gefühl hat, dass man nichts zu sagen hat, sinkt automatisch die Motivation. Umgekehrt steigt die Motivation, wenn man genau weiß, worüber man schreiben möchte. Die Pflege des redaktionellen Kalenders hilft somit auch dabei, die eigene Motivation hoch zu halten.

Des Weiteren sollte man sich vor Augen führen, warum man schreibt und was man mit dem Schreiben erreichen möchte. In einer späteren Übung aus “30 Days to Better Writing” schrieb ich auf, was ich in den nächsten zwei Jahren mit meiner Schreibgewohnheit erreichen möchte. Wenn die Motivation sinkt und man sich fragt, ob das Schreiben wirklich noch so eine gute Idee ist, kann man auf diese formulierten Ziele zurückgreifen. Über meine eigenen Ziele werde ich noch einen separaten Artikel verfassen.

Angst vor Scham und Ablehnung

Meine größte Angst bezüglich des Veröffentlichens meiner Texte ist die Angst vor Ablehnung. Diese bezieht sind insbesondere auf Menschen, die ich persönlich kenne. Am liebsten wäre mir, wenn nur wildfremde Leute meine Texte lesen würden.

Die Ursache liegt darin, dass mir der Mut zur Verletzlichkeit fehlt. Ich schäme mich, wenn ich etwas von mir zeige. Damit ist mein Selbstwertgefühl davon abhängig, ob es anderen gefällt oder nicht. Die Aussicht, dass jemand, der mich kennt, meine Texte für katastrophal hält, macht mir Angst.

Dieses Muster begleitet mich schon lange und ich arbeite daran, es zu überwinden. Letztens habe ich zwei sehr empfehlenswerte Bücher dazu gelesen: Kristin Neff – Self-Compassion: Stop Beating Yourself Up and Leave Insecurity Behind und Brené Brown – Daring Greatly: How the Courage to Be Vulnerable Transforms the Way We Live, Love, Parent, and Lead. Über letzteres habe ich hier bereits einen Artikel verfasst.

Um diese Angst zu überwinden möchte ich erreichen, dass mein Selbstwertgefühl unabhängig von den Urteilen meiner Leser ist. Ich möchte den Mut aufbringen, mich selbst in meinen Texten zu zeigen. Grundstein dafür wird sein, mein Selbstmitgefühl aufzubauen. Außerdem möchte ich durch das regelmäßige Schreiben und Veröffentlichen dafür sorgen, dass es für mich ein alltäglicher Prozess wird und allein dadurch die Angst vor Ablehnung sinkt.

Zusammenfassung

Es ist hilfreich, sich seiner Ängst bewusst zu werden, bevor man ein neues Projekt startet. Wenn man darüber nachdenkt, wie man die Ängste überwinden kann, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie dafür sorgen, dass man sein Projekt wieder aufgibt oder gar nicht erst startet.

Mein Projekt ist das Etablieren einer täglichen Schreibgewohnheit und damit verbunden das regelmäßige Veröffentlichen von Artikeln hier im Blog. Die Ängste, die ich dabei verspüre habe ich zusammen mit Lösungsideen oben beschrieben. Hier sind sie noch einmal stichpunktartig zusammengefasst:

  • Angst vor Themenmangel: Redaktioneller Kalender, Artikelvorrat, Gedankenstromschreiben
  • Angst vor Motivationsverlust: Redaktioneller Kalender, Ziele setzen
  • Angst vor Scham und Ablehnung: Selbstmitgefühl, Schreibgewohnheit

Welches Projekt möchtest Du starten? Welche Ängste verspürst Du dabei? Ich freue mich über Deine Antworten in den Kommentaren. Bitte teile den Artikel in Deinem Netzwerk, wenn er Dir gefallen hat. Du kannst mir außerdem auf Twitter folgen.

Mut zur Verletzlichkeit

In diesem Artikel geht es um ein Buch, das ich kürzlich gelesen habe, und zwar “Daring Greatly: How the Courage to Be Vulnerable Transforms the Way We Live, Love, Parent, and Lead” von Brené Brown. Brown ist eine Wissenschaftlerin, die zu den Themen Verletzlichkeit und Scham forscht. Populär wurde sie durch ihren erfolgreichen TED-Talk The power of vulnerability.

Im Buch geht es um ein Thema, über das ich vor vier Jahren schon einmal geschrieben habe: wie wir viele Aspekte unseres Lebens verbessern können, indem wir den Mut dazu haben, Verletzlichkeit zu zeigen. Der Ausdruck “Daring Greatly” stammt aus der Rede “Citizenship in a Republic”, die Theodore Roosevelt 1910 an der Sorbonne in Paris gehalten hat:

It is not the critic who counts; not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the man who is actually in the arena, whose face is marred by dust and sweat and blood; who strives valiantly; who errs, who comes short again and again, because there is no effort without error and shortcoming; but who does actually strive to do the deeds; who knows great enthusiasms, the great devotions; who spends himself in a worthy cause; who at the best knows in the end the triumph of high achievement, and who at the worst, if he fails, at least fails while daring greatly.
Theodore Roosevelt, “Citizenship in a Republic”, 1910

Im modernen Leben gibt es eine tragische Ironie: viele Menschen fühlen sich voneinander isoliert durch Gefühle, die sie gemeinsam haben, z.B. Versagensangst oder das Gefühl, nicht genug zu sein. Das Ziel Browns ist es, Menschen zu vermitteln, wie man ein großherziges Leben (im Original: Wholeheartedness) führt. Das beinhaltet den Mut, Unsicherheit, Sichtbarkeit und emotionale Risiken zu konfrontieren sowie das Wissen, dass man genug ist.

Was läuft in unserer Kultur schief?

Ein Problem in unserer Kultur ist Narzissmus. Brown definiert Narzissmus als die auf Scham basierende Angst davor, gewöhnlich zu sein. Wir haben Angst davor, nie außergewöhnlich genug zu sein um bemerkt zu werden, geliebt werden zu können, dazuzugehören oder einen Lebenszweck zu erschaffen. Die unterliegende kulturelle Botschaft lautet: “Ein gewöhnliches Leben ist ein bedeutungsloses Leben!

Ein weiteres Problem ist die ”Nicht genug”-Kultur. Ein Großteil unserer Gedanken dreht sich tagein tagaus darum, was gerade nicht genug ist. Wir vergleichen alles mit einer mediengetriebenen oder einer selbst ausgedachten Vision von Perfektion.

Überwindung von Scham

Wie anfangs bereits erwähnt, ist ein Ziel eines großherzigen Lebens der Mut, Verletzlichkeit zu zeigen. Hier zeigt Brown ein weiteres Paradox in unserer Kultur auf: Verletzlichkeit nehmen wir bei anderen Menschen als Mut, bei uns selbst aber als Schwäche wahr.

Wenn wir nicht gut darin sind, Verletzlichkeit zu zeigen, sind wir meist umso besser darin, uns zu schämen. Dabei hängt unser Selbstwertgefühl komplett davon ab, ob andere mögen, was wir tun oder nicht. Wenn wir es schaffen, Scham zu überwinden, können wir das Feedback zu dem, was wir tun, komplett von unserem Selbstwertgefühl trennen. Das macht es viel einfacher, mutig zu sein und unsere Talente zu teilen. Theoretisch ist die Überwindung von Scham extrem einfach: Scham löst sich auf, wenn man darüber spricht, am besten mit jemandem, der sich empathisch zeigt. Wir müssen Scham überwinden, um verletzlich sein zu können. Wenn wir Scham überwinden und stattdessen verletzlich sind, können wir nach einem Misserfolg sagen, dass wir nur mutig waren und es nochmal versuchen. Wenn wir allerdings den Scham gewähren lassen, versuchen wir es nach einem Misserfolg nie wieder.

Wichtige Voraussetzungen für Verletzlichkeit

Um Verletzlichkeit zeigen zu können, muss man zwingend Selbstmitgefühl entwickeln. Dazu gehört, warmherzig und verständnisvoll zu sich selbst zu sein anstatt den Schmerz zu ignorieren und Selbstkritik zu üben (Selbstliebe). Außerdem muss man das eigene Leid und die schlechten Gefühle sich selbst gegenüber als menschlich ansehen und nicht nur auf sich selbst beziehen (gemeinsame Menschlichkeit). Zuletzt muss man ausgeglichen auf negative Gefühle und Emotionen reagieren, nichts sollte unterdrückt oder überbewertet werden (Achtsamkeit).

Eine weitere wichtige Voraussetzung für Verletzlichkeit ist ein Gefühl der Zugehörigkeit. Hierbei handelt es sich um das menschliche Verlangen, zu etwas dazuzugehören, das größer ist als man selbst. Ein Gefühl der Zugehörigkeit kann nur entstehen, wenn wir unser authentisches, unperfektes Selbst präsentieren. Dadurch kann es niemals größer sein als unser Maß an Selbstakzeptanz.

Die letzte Voraussetzung, auf die ich hier eingehen möchte, ist ein vernetztes Leben. Dazu gehört es, Grenzen zu setzen und weniger Zeit damit zu verbringen, unwichtige Leute zufrieden zu stellen. Stattdessen muss man den Wert darin erkennen, an Beziehungen mit der eigenen Familie und engen Freunden zu arbeiten.

Großherzige Erziehung

Im letzten Kapitel des Buches beschreibt Brown, wie wir ihre Forschungsergebnisse in der Kindererziehung anwenden können. Eine zentrale Aussage ist, dass die Frage der richtigen Erziehung nicht so wichtig ist wie die Frage danach, ob man selbst ein solcher Erwachsener ist, zu dem man sein Kind gern werden sehen möchte. Wenn wir also wollen, dass unsere Kinder sich selbst akzeptieren und lieben, dann müssen wir uns selbst akzeptieren und lieben!

What we areteaches the child more than what we say, so we must be what we want our children to become.
Joseph Chilton Pearce

Was wir als Kind über uns selbst und darüber, wie wir mit der Welt interagieren, lernen, sorgt entweder dafür, dass wir einen signifikanten Teil unseres Lebens damit verbringen müssen, uns unseren Selbstwert zurückzuerkämpfen, oder stattet uns mit Hoffnung, Mut und Widerstandsfähigkeit für unsere Reise aus. Großen Wert legt Brown darauf, wie wir mit Kindern sprechen wenn sie eine falsche Entscheidung getroffen haben. Sie sollen sich schuldig fühlen (“mein Verhalten war schlecht”), sich aber nicht schämen (“ich bin schlecht”). Folgendes Zitat hat mir diesbezüglich sehr gefallen:

„Charlie also gets the distinction between shame and guilt. When I found our dog pulling food out of the trash can, I scolded her by saying ‚Bad Girl!‘ Charlie came sliding around the corner, shouting, ‚Daisy is a good girl who made a bad choice! We love her! We just don‘t love her choices!“

Fazit

Mich hat das Buch sehr angesprochen. Ich habe mich mit vielen Aussagen identifizieren können, denn auch ich leide unter Scham und zeige deshalb oft nicht viel von mir. Damit einher geht, dass Browns Definition von Narzissmus auf mich ebenfalls gut passt. Ich hoffe, dass ich den Scham mit dem, was ich aus diesem Buch mitgenommen habe, bekämpfen kann und in Zukunft in der Lage bin, mehr von mir zu zeigen. Das halte ich für eine wichtige Voraussetzung dafür, mich mit anderen Menschen vernetzen zu können. Ich denke, Brené Brown würde mir zustimmen.

Überwinde die Angst vor Ablehnung

Avoid Criticism

Wenn ich hier im Blog einen Artikel veröffentliche, dann teile ich ihn auf Twitter. Auf Facebook teile ich ihn allerdings nicht. Diese Entscheidung habe ich nie bewusst getroffen, es hat sich intuitiv so ergeben. Als ich letztens darauf aufmerksam geworden bin, wollte ich wissen, wieso diese unbewusste Entscheidung so gefallen ist und habe eine interessante Erkenntnis über mich gewonnen.

Meine Follower auf Twitter sind zum Großteil Menschen (oder Bots), die ich nicht persönlich kenne. Meine Facebook-Freunde dagegen kenne ich alle persönlich. Daraus schließe ich, dass ich zwar eigentlich will, dass meine Artikel von so vielen Menschen wie möglich gelesen werden, aber doch bitte von niemandem, der mich kennt. Wenn ich über diesen Schluss nachdenke, dann muss ich einräumen, dass er völlig richtig ist. Dieses Verhalten ist umso ausgeprägter, je persönlicher ich schreibe. So habe ich weniger Probleme damit, einen Artikel über vegane Pizza in Hamburg mit Bekannten zu teilen, als ein persönlicheres Stück wie dieses hier.

Das gleiche Prinzip trifft auch auf Feedback zu: Ich würde unheimlich gern Feedback auf meine Artikel in Form von Kommentaren oder per E-Mail bekommen, aber von jemandem im echten Leben direkt damit konfrontiert werden? Um Himmels Willen!

Dieses Verhalten kann ich auch auf andere Bereiche meines Lebens übertragen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich vor einigen Jahren als Gitarrist in einer Coverband gespielt habe und immer sehr froh war, wenn ich niemanden im Publikum kannte. Generell fällt es mir leichter, vor Fremden aus mir heraus zu gehen als vor Bekannten. Ich vermute, dass der Grund für dieses Verhalten eine Angst vor Ablehnung ist, die ich in mir trage. Je weniger über mich bekannt ist, desto unverwundbarer bin ich und desto weniger Raum biete ich anderen für eine schlechte Beurteilung. Vor Fremden ist die Angst nicht so schlimm, weil ich dort den (Pseudo-)Schutz der Anonymität genieße.

Es gibt gute Gründe dafür, diese Angst vor Ablehnung überwinden zu wollen. Die Unverwundbarkeit gegenüber Kritik durch andere geht mit einer Unnahbarkeit einher, weil es einfach kein Profil gibt, das jemand fassen könnte. Man schwimmt eben immer mit, gestalten tun die anderen. Außerdem führt diese Angst dazu, dass man sein eigenes Verhalten so anpasst, dass man am besten gar nicht mehr auffällt und die eigene Persönlichkeit und deren Bedürfnisse unterdrückt. Verhaltensweisen, die ich an mir selbst in der Vergangenheit zur Genüge beobachten konnte.

Doch wie kann man diese Angst überwinden? Ablehnung wird es immer geben. Selbst wenn wir etwas Großartiges erschaffen wird es immer Menschen geben, durch die es schlecht beurteilt wird. Wir müssen also dafür sorgen, dass wir uns von den Beurteilungen anderer unabhängig machen. In der Regel machen wir den Fehler, dass wir Kritik nicht nur auf unser Produkt oder unser Verhalten beziehen, sondern auf uns als Menschen. Wir nehmen also an, dass eine schlechte Leistung unseren Wert als Mensch herabsetzt, was natürlich nicht stimmt. Der Grund dafür, dass wir so denken, liegt in dem Selbstbild, das wir von uns haben. Denn wenn wir selbst schlecht von uns denken, gehen wir davon aus, dass andere genauso denken. Und genau das führt zu Schüchternheit und fehlendem Selbstvertrauen. Die Verbesserung dieses Selbstbilds ist der Schlüssel zur Überwindung der Angst vor Ablehnung.

Die Quintessenz daraus ist, dass wir daran arbeiten müssen, uns selbst so zu akzeptieren wie wir sind und uns selbst auch Fehler und Mängel eingestehen. Wichtig ist die Überzeugung, dass diese Fehler und Mängel nichts an unserem Wert als Mensch ändern. Nur wenn wir diese Überzeugungen verinnerlichen, können wir uns von der Kritik und Beurteilung anderer unabhängig machen und die Angst vor Ablehnung überwinden. Der erste und meiner Erfahrung nach schwierigste Schritt auf dem Weg dahin ist, dass man sich selbst dieser Angst vor Ablehnung bewusst wird, die man in sich trägt. Nur dann kann man aktiv daran arbeiten, sein Selbstbild zu verbessern.

“Avoid Criticism” by Celestine Chua is licensed under CC BY 2.0