Warum verachte ich Menschen, die ich nicht mal kenne?

Seit vielen Jahren lehne ich einen Schlag Menschen vom ersten Moment an ab: Menschen, die in Gruppen selbstbewusst auftreten, laut reden und lachen, Witze reißen, alle mit einbeziehen, im Mittelpunkt stehen. “Was glaubt der eigentlich, wer er ist?” und “Alles, was der von sich gibt, ist saudumm!” sind typische Gedanken, die bei mir in solchen Situationen aufkommen.

Neulich waren wir zu einer Feier eingeladen, an der Kinder aus der Kita sowie deren Eltern teilgenommen haben. Ich kannte die anderen Eltern allenfalls vom sehen. Auf dieser Feier gab es einige Väter, die genau wie oben beschrieben aufgetreten sind. Und bei mir sind genau die oben beschriebenen Gedanken aufgekommen. Ich hatte sofort eine Abneigung gegen diese Väter, ohne überhaupt mit ihnen gesprochen zu haben. Ins Gespräch kommt man logischerweise mit dieser Abneigung im Kopf nicht.

Nach der Feier sind mir viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Woher kommt diese reflexartige Abneigung gegen Menschen, die ich nicht einmal kenne? Ich erinnerte mich an das Buch “Self-Compassion: Stop Beating Yourself Up and Leave Insecurity Behind” von Kristin Neff, das ich vor kurzem gelesen hatte. Neff beschreibt das Phänomen, dass Menschen, die eine bestimmte Eigenschaft an sich nicht mögen, automatisch andere Menschen ablehnen, die diese Eigenschaft meistern. Das Phänomen heißt sozialer Vergleich. Dabei distanzieren wir uns von Menschen, deren Erfolg uns schlecht gegenüber uns selbst fühlen lässt. Ich glaube, so ist das bei mir auch.

Ich kämpfe seit vielen Jahren dagegen an, dass ich es nicht schaffe, mich in Gruppensituationen, insbesondere mit fremden Menschen, aktiv einzubringen. Die oben genannten Menschen können das offensichtlich. Der soziale Vergleich, der in meinem Kopf stattfindet, führt dazu, dass ich mich schlecht fühle. Deshalb sind mir diese Menschen sofort unsympathisch. Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass die Väter auf der Party überhaupt nicht unsympathisch waren, sondern eigentlich ganz ok.

Kristin Neff schlägt in ihrem Buch eine Lösung für dieses Problem vor: Selbstmitgefühl. Konkret bedeutet das, nicht die ganze Zeit Fehler an sich zu suchen und verbessern zu wollen, sondern sich selbst stattdessen so zu lieben und zu akzeptieren, wie man ist. In meinem Fall bedeutet das, dass ich die Schwierigkeiten in Gruppensituationen als Teil von mir selbst anerkenne und ebenso würdige, dass diese Eigenschaft menschlich ist. Ich bin mit diesem Problem nicht allein. Es gibt auf der Welt viele Menschen, die das gleiche Problem haben. Es gibt also keinen Grund, mich dafür zu kritisieren und zu verurteilen.

Ich bin überzeugt davon, dass der Reflex, selbstbewusst auftretende Menschen abzulehnen, verschwindet, wenn ich es schaffe, meine Introvertiertheit und Schüchternheit als Teil von mir selbst zu akzeptieren. Wenn das der Fall ist, fehlt mir im Vergleich zu den extrovertierten und selbstbewussten Menschen nichts mehr. Ich könnte viel entspannter an solche Situationen herangehen, nämlich ohne mich selbst unter Druck zu setzen, etwas beitragen zu müssen. Ironischerweise würde es mir ohne diese Druck vermutlich sogar leichter fallen, mich in die Gruppe einzubringen.

Gibt es Menschen mit bestimmten Eigenschaften, die Du ablehnst, weil Dich der soziale Vergleich schlecht fühlen lässt? Was ist Deine Strategie dagegen? Ich freue mich über Deine Antworten in den Kommentaren. Bitte teile den Artikel in Deinem Netzwerk, wenn er Dir gefallen hat. Du kannst mir außerdem auf Twitter folgen.

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