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Digitaler Minimalismus

Zum Buch

Wir verbringen heutzutage viel zu viel Zeit damit, in unsere kleinen Bildschirme zu starren. Daher habe ich mir als guten Vorsatz für dieses Jahr vorgenommen, dass ich meine Nutzung sozialer Medien überdenke und weitestmöglich beende. Anfang Februar erschien das Buch „Digital Minimalism“ von Cal Newport, das sich mit genau diesem Thema befasst. Für mich erschien das Buch genau zur richtigen Zeit und ich habe es in einer Woche verschlungen. In diesem Artikel werde ich einige Ideen teilen, die ich beim Lesen gelernt habe.

Gründe für digitalen Minimalismus

Wir leben heute in einer Zeit, in der unsere Aufmerksamkeit die Währung vieler großer Tech-Firmen ist. Viele Produkte, insbesondere die sozialen Medien, sind genau darauf ausgerichtet, so viel Aufmerksamkeit von uns wie möglich zu bekommen. Wenn wir nicht die Apps starten und uns die maßgeschneiderte Werbung anschauen, kann das Unternehmen dahinter kein Geld verdienen. Intuitiv könnte man meinen, dass das soziale Netzwerk das Produkt ist, das eine Firma anbietet und wir als Nutzer die Kunden sind. Doch in Wirklichkeit ist es so, dass wir das Netzwerk kostenlos nutzen, damit die Firma möglichst viele Daten über uns sammeln kann. Diese verkauft sie an Werbepartner, so dass diese maßgeschneiderte Werbung anbieten können. Somit sind unsere Daten – also wir – das Produkt und die Kunden sind die Werbetreibenden.

Die Apps der sozialen Medien setzen alle möglichen psychologischen Kniffe ein, damit wir die Apps möglichst oft starten und durch die Timelines scrollen. Sie stellen sicher, dass wir bei jedem Start der App etwas neues sehen, und diese kleinen Neuigkeitshäppchen bescheren unserem Gehirn den Befriedigungskick. Meist haben wir das, was wir gerade flüchtig gelesen haben, in wenigen Sekunden wieder vergessen. Noch schlimmer ist es, wenn man die Benachrichtigungen der Apps nicht deaktiviert hat. Damit ist die App in der Lage, den Benutzer durch rote Badges an den Icons und Pop-Ups darauf hinzuweisen, dass er doch mal wieder vorbeischauen sollte. Im Endeffekt stehen der Zeitaufwand und die Vorteile, die wir aus den sozialen Medien ziehen, in keinem Verhältnis. Wir verlieren unsere Fähigkeit, uns länger auf eine bestimmte Aufgabe zu fokussieren, weil wir immer wieder zwischendurch den Drang verspüren, nachzuschauen, ob es in unseren Timelines etwas neues gibt.

Was ist digitaler Minimalismus?

Beim digitalen Minimalismus beschränkt man seine Online-Zeit auf eine kleine Auswahl sorgfältig ausgewählter und optimierter Tätigkeiten, die die Dinge, die man wertschätzt, stark unterstützen. Auf alles andere wird bewusst verzichtet. Damit steht es im Gegensatz zur maximalistischen Philosophie, die der Standard ist. Dort wird alles benutzt, was auch nur einen kleinen Vorteil verspricht. Minimalisten hingegen macht es nichts aus, kleine Dinge zu verpassen.

Dem digitalen Minimalismus liegen drei Prinzipien zu Grunde:

  1. Unordnung ist teuer: Die Aufmerksamkeit auf viele Geräte, Dienste oder Apps zu verteilen kostet so viel, dass es all die kleinen Vorteile der einzelnen Dinge auffrisst.
  2. Optimierung ist wichtig: sich für eine Technologie zu entscheiden (sorgfältig!), ist nur der erste Schritt. Fur die besten Ergebnisse muss man genau überlegen, WIE man sie einsetzt.
  3. Bewusste Entscheidungen sind befriedigend: Digitalen Minimalisten macht es große Freude, bewusste Entscheidungen über eingesetzte Technologien zu treffen.

The cost of a thing is the amount of what I will call life which is required to be exchanged for it, immediately or in the long run.
Thoreau, Walden

Wenn man sich für die Nutzung einer Technologie entscheidet, muss diese einigen Regeln genügen. Zunächst muss sie etwas unterstützen, das man zutiefst wertschätzt. Wenn sie nur kleine Vorteile bringt, ist das nicht genug. Außerdem muss es gleichzeitig der bestmögliche Weg sein, wie die Tätigkeit unterstützt werden kann. Ansonsten sollte sie durch eine dafür besser geeignete Methode ersetzt werden. Zu guter Letzt muss klar beregelt sein, wann und wie die Technologie genutzt wird.

Der Einsatz dieser Regeln ist besonders effektiv, wenn man eine Zeit ohne optionale Technologien gelebt hat und so feststellt, dass man diese Technologien nicht unbedingt benötigt.

Bewusste Freizeitgestaltung

Wenn wir unsere Online-Zeit drastisch reduzieren, entsteht Zeit, die wir sinnvoll füllen müssen. Seichte Technologienutzung ist ein einfaches Mittel, eine schlecht gestaltete Freizeit zu überdecken. Wenn wir unsere Zeit nicht sinnvoll füllen können, wird das Leben langweilig und die Transformation könnte scheitern. Daher sollte die Phase der Abstinenz dazu genutzt werden, wieder herauszufinden, was einem wichtig ist.

Was ich bisher getan habe

Ich habe Facebook gelöscht und noch nicht eine Sekunde vermisst. Außerdem habe ich Instagram gelöscht. Das war nicht ganz so leicht wie Facebook. Fotografie ist eines meiner Hobbies und ich hätte prinzipiell schon gern eine Plattform, auf der ich meine Fotos teilen kann. Ich glaube aber nicht, dass dies noch einmal Instagram wird, denn zum Inhaber Facebook habe ich kein Vertrauen.

Schwieriger gestaltet sich meine Beziehung zu Twitter. Ich habe anfangs spielend einfach zwei Monate komplett ohne Twitter verbracht und daraufhin meinen 10 Jahre alten Account einfach so gelöscht. Ich habe ihm nicht hinterhergeweint. Doch nach einem weiteren Monat spürte ich doch wieder das Verlangen danach. Ich habe mir also einen neuen Account angelegt und bin dort komplett von null gestartet. Ich habe mir aber versprochen, dass ich Twitter nicht wieder in alle Bereiche meines Lebens lassen möchte. Die wichtigste Regel: Twitter kommt nicht auf mein Telefon! Ich möchte nicht in jeder kurzen Pause mein Telefon zücken und meine Timeline checken. Ich habe es nur auf meinem iPad und auf dem Mac installiert. Außerdem versuche ich nur Leuten zu folgen, deren Beiträge wirklich eine Bereicherung für mich sind. Also vor allem keine Nachrichten und keine Politik-Shitstorms. Bisher habe ich meine Timeline sehr klein gehalten. Ich kann einmal am Tag fünf Minuten darin verbringen und habe alles gelesen. Das ist für mich vertretbar. Im Moment bin ich sogar wieder einem Modus, in dem ich Twitter schon seit mehreren Wochen nicht mehr gelesen habe. Ich nutze es derzeit ausschließlich zum Teilen von Gedanken, Links oder meinen Artikeln hier auf dem Blog. Falls die Phase anhält, kann ich den Account vielleicht diesmal nachhaltig löschen.

Außerdem habe ich im Zuge des digitalen Minimalismus meine komplexe Aufgabenverwaltung vereinfacht. Ich hatte entschieden, mein geliebtes OmniFocus einfach aufzugeben und alle Aufgaben in einem analogen Bullet Journal zu verwalten. Das hat überraschend gut geklappt. Nach ein paar Monaten habe ich es allerdings wieder mit Things digitalisiert – ohne aber die vorherige Komplexität wieder aufzunehmen. Im Moment fahre ich einen hybriden Modus: Alle meine Aufgaben leben digital in Things, aber am Anfang der Woche übertrage ich alles, was ich in der Woche schaffen möchte, in mein Bullet Journal. So brauche ich meine digitale Aufgabenverwaltung im Laufe der Woche nicht und habe auf einer Seite in meinem Notizbuch den Gesamtüberblick.

Ein laufendes Projekt ist es, meinen Medienkonsum zurückzufahren. So habe ich es zum ersten Mal geschafft, meine Podcasts leerzuhören und Zeit zu haben, Hörbücher zu hören. Außerdem habe ich meine Freizeitaktivitäten nur auf die Dinge reduziert, die wirklich Spaß machen. An vielen Tagen ist das einfach nur das Lesen von Büchern. Aber auch das Fotografieren habe ich in letzter Zeit als Hobby wiederentdeckt.

Apropos lesen: Nachdem ich eine lange Zeit lang fast ausschließlich auf meinem Kindle gelesen habe, bin ich jetzt wieder dazu übergegangen, Bücher auf Papier zu lesen und ich genieße das sehr. Das Gefühl, sich durch ein Buch zu arbeiten und schließlich abzuschließen ist befriedigender als das Blättern am Kindle. Meine Motivation ist, dass ich den ganzen Tag beruflich am Rechner zubringe und Abends wenn möglich ohne Displays verbringen möchte.

Bisherige Auswirkungen

Zunächst muss ich zugeben, dass ich mich nach wie vor nicht als digitalen Minimalisten bezeichnen kann. Vermutlich werde ich das auch nicht werden. Dennoch setze ich meine Technologie bewusster ein. Das hat dazu geführt, dass ich in meiner Freizeit einige Tätigkeiten aufgenommen habe, die ich sehr wertschätze und dich nicht nur aus dem Scrollen einer Timeline bestehen. Ich lese viel mehr Bücher, ich schreibe täglich und ich habe wieder Spaß an der Fotografie gefunden.

Was ich noch tun möchte

Ich experimentiere gerade daran, mein Smartphone weniger attraktiv und ablenkend zu gestalten. Oft ist es so, dass ich mein iPhone in die Hand nehme, um eine bestimmte Aufgabe auszuführen. Doch dann sehe ich auf dem Homescreen die ganzen anderen Apps und komme auf die Idee, dort doch nochmal nachzuschauen, ob sich etwas getan hat. Von dieser Versuchung möchte ich wegkommen. So habe ich auf dem Homescreen nur noch eine Hand voll Apps hinterlegt, deren Nutzung ich wirklich für sinnvoll halte und die mich täglich in meinem Tun unterstützen. Alles andere habe ich auf die Folgeseiten verbannt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich das beibehalten werde.

Ein anderes Experiment, bei dem ich mir allerdings noch nicht so sicher bin, führe ich ebenfalls gerade durch: Ich habe mein iPhone der Farben beraubt und fahre es in einem komplett monochromen Modus. Die im Normalfall leuchtenden Farben verleiten zur Benutzung und der monochrome Modus soll dem entgegenwirken, indem er die Darstellung auf dem Bildschirm möglichst unattraktiv macht. Ich beraube meinem iPhone damit keiner Funktion, ich kann nach wie vor alle Funktionen nutzen. Ich bin gespannt, wie sich das in der Praxis bewährt.

Fazit

Es bleibt festzuhalten, dass unsere Technologie nicht böse ist. Wir haben es immer noch selbst in der Hand, wie wir sie nutzen. Die Hersteller und Plattformbetreiber nutzen allerdings alle psychologischen Tricks, um uns möglichst oft und lange ans Display zu binden und ohne das Bewusstsein dafür sind wir dem schutzlos ausgeliefert.

Im Moment werden die Stimmen lauter, die das kritisieren und die eine bewusstere Technologienutzung propagieren. Cal Newport ist eine davon und bei mir hat das definitiv ein Umdenken bewirkt. In der Umsetzung merke ich allerdings, dass es schwieriger ist als gedacht. In vielen Situationen ist es einfach Standardverhalten geworden, zum Smartphone zu greifen. Wir müssen wieder neu erlernen, auch mal eine Wartezeit zu überstehen, ohne sie mit einer sinnlosen Beschäftigung mit dem Smartphone zu überbrücken.

In diesem Sinne treffen Bücher wie „Digital Minimalism“ gerade den Nerv der Zeit. Wir tun gut daran, die Stimmen zu erhören und daran zu arbeiten, unsere Technologie möglichst bewusst zu nutzen. Seit ich mich damit beschäftige, achte ich viel mehr darauf, wie andere Menschen in der Öffentlichkeit ihre Smartphones nutzen. Es ist erschreckend, wie viele pausenlos in ihr Display starren, sogar wenn sie in Begleitung anderer unterwegs sind. Sie wirken wie bewusstlose Zombies. Ich möchte da nicht mehr dazugehören.

Welche Rolle spielt die Technik und insbesondere die sozialen Medien in deinem Leben? Verbringst du auch zu viel Zeit damit oder hast du das gut unter Kontrolle? Welche Schritte unternimmst du, um den Verlockungen zu widerstehen? Ich freue mich über Deine Antworten in den Kommentaren. Bitte teile den Artikel in Deinem Netzwerk, wenn er Dir gefallen hat. Du kannst mir außerdem auf Twitter folgen.

Digital Minimalism” by Joe Flood is licensed under CC BY-NC-ND 2.0.

Mit diesen Methoden neue Gewohnheiten aufbauen

Gewohnheiten bestimmen unser Leben. 40-45% unseres täglichen Tuns basiert auf Gewohnheiten und nicht etwa auf bewussten Entscheidungen. Wenn wir unser Verhalten ändern wollen, ist es dementsprechend wichtig, entsprechende Gewohnheiten aufzubauen. Ich habe kürzlich einen Artikel darüber gelesen, auf welche verschiedenen Arten man neue Gewohnheiten etablieren kann. Darin sind sieben verschiedene Methoden beschrieben. Ich möchte vier davon hier vorstellen.

Die erste Methode ist, das Versprechen abzugeben, das gewünschte Verhalten für 30 Tage täglich auszuführen. Das ist die Methode, die ich mit meiner Schreibgewohnheit angewandt habe. Der Nachteil daran ist, dass 30 Tage oftmals nicht ausreichen, um eine Gewohnheit zu etablieren. Die Versuchung ist groß, die 30 Tage im Nachhinein als Experiment anzusehen und die Gewohnheit wieder zu beenden.

Die zweite Methode wird “Don’t Break the Chain” genannt und Jerry Seinfeld zugesprochen. Hierbei markiert man sich jeden Tag, an dem man die neue Gewohnheit ausgeführt hat, mit einem X. Das kann man analog (z. B. auf einem Wandkalender) oder digital (z. B. mit einer App) machen. Wenn man die Gewohnheit mehrere Tage hintereinander ausführt, baut man eine Kette auf. Idee ist, dass man, wenn die Kette einmal lang genug ist, sie auf keinen Fall zerstören möchte. Allerdings ist es herausfordernd, die Kette lang genug werden zu lassen, damit dieser Druck überhaupt entsteht. Außerdem kann die Methode ein Motivationskiller sein. Wenn eine lange Kette zerbricht, weil das Leben dazwischengekommen ist, muss man die Motivation aufbringen, eine neue Kette aufzubauen.

Um diesen Effekt abzufedern, gibt es eine Methode mit dem Grundsatz, die Gewohnheit niemals zwei Tage hintereinander zu verpassen. Hier sind einmalige Aussetzer ok, so lange man am nächsten Tag wieder auf den Zug aufspringt. Damit wird dem oben beschriebenen Motivationskiller vorgebeugt. Das geht aber zu Lasten der Dringlichkeit: Man hat es mit dieser Methode leicht, sich hin und wieder einen Tag Auszeit zu nehmen, obwohl man die Gewohnheit eigentlich hätte ausführen können.

Wenn man mehrere miteinander in Verbindung stehende Gewohnheiten aufbauen möchte, können identitätsbasierte Gewohnheiten interessant sein. Hierbei nimmt man sich nicht einzelne Gewohnheiten wie “mehr Obst essen” und “mehr Wasser trinken” vor, sondern man definiert eine neue Identität für sich. Um bei dem Beispiel zu bleiben, könnte das “Ich führe jetzt einen gesunden Lebensstil” sein. Wichtig ist, dass man sich damit wirklich identifiziert. Eine solche Identität bringt üblicherweise eine ganze Reihe neuer Gewohnheiten mit sich. Wenn die Identität stark ist, hat man gute Chancen, die entsprechenden Gewohnheiten zu etablieren.

Für mich war es zum einen interessant, die verschiedenen Methoden zum Aufbau von Gewohnheiten auf einen Blick zu sehen. Zum anderen habe ich evaluiert, welche Methoden ich für meine eigenen Gewohnheiten nutze. Für die Schreibgewohnheit habe ich zunächst mit Hilfe des Kurses “30 Days to Better Writing” für 30 Tage täglich geschrieben. Als der Kurs beendet war, war er für mich nicht nur ein Experiment. Ich habe ich mir vorgenommen, weiterhin täglich zu schreiben und nutze dafür jetzt “Don’t Break the Chain”. Diese Methode nutze ich außerdem für mein tägliches Dankbarkeitstagebuch und die Abfrage von FlashCards mit Anki.

Den Nachteil der “Don’t Break the Chain”-Methode habe ich bereits zu spüren bekommen. Wir haben kürzlich einen Wochenendausflug unternommen, wo unsere Tage komplett durchgeplant waren. Die Anki-Abfrage und das Dankbarkeitstagebuch konnte ich noch unterbringen, aber das Schreiben habe ich nicht hinbekommen. Der aufgebauten Kette war es egal, welche Ausreden ich parat hatte. Sie ist zerbrochen. Zum Glück war sie noch nicht besonders lang, so dass ich direkt eine neue begonnen habe.

Welche Methode nutzt Du, um neue Gewohnheiten zu etablieren und welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Ich freue mich über Deine Antworten in den Kommentaren. Bitte teile den Artikel in Deinem Netzwerk, wenn er Dir gefallen hat. Du kannst mir außerdem auf Twitter folgen.

Build habits” by Xavier Vergés is licensed under CC BY 2.0.

Ich habe mit Hilfe eines Onlinekurses eine Schreibgewohnheit etabliert

Kennst Du das auch? Du glaubst, über ein Thema richtig gut Bescheid zu wissen. Doch wenn du dich mit jemandem darüber austauschen möchtest, bekommst du nichts Sinnvolles dazu artikuliert. Ich habe das ständig, und es nervt tierisch. Man müsste seine Gedanken irgendwie sortiert haben, damit man sie in Gesprächen abrufen kann.

Sortierte Gedanken kann man einfach erreichen, indem man sie niederschreibt, und zwar täglich. Ich habe in den letzten Jahren mehrfach versucht, eine tägliche Schreibgewohnheit zu etablieren. Egal ob mit oder ohne Blog: ich habe es nicht geschafft, sie dauerhaft aufrecht zu erhalten. Der Wunsch, regelmäßig zu schreiben ist aber immer im Hinterkopf geblieben.

Vor einigen Wochen habe ich im Bookworm-Podcast vom Kurs “30 Days to Better Writing” von Sean McCabe erfahren und beschlossen, damit einen neuen Anlauf zu starten, eine tägliche Schreibgewohnheit zu etablieren. Mittlerweile habe ich den Kurs erfolgreich absolviert und werde in diesem Artikel von meinen Erfahrungen berichten.

Konzept des Kurses

Zunächst verlangt der Kurs ein Versprechen. Wenn man den Kurs beginnt, soll man sich dazu bekennen, in den folgenden 30 Tagen jeden Tag eine Lektion zu absolvieren und zu schreiben. Der Zeitaufwand ist so bemessen, dass er 30 Minuten täglich nicht übersteigt, von denen 10 dem Durchlesen der Lektion und 20 dem Schreiben gewidmet sind.

Die Lektionen orientieren sich inhaltlich in drei Bereichen: Das erste Drittel des Kurses befasst sich mit den ersten Schritten beim Schreiben und dem Schreibprozess, das zweite Drittel damit, seine Schreibqualität zu verbessern und das letzte Drittel dreht sich darum, die eigenen Texte online zu veröffentlichen.

In jeder Lektion gibt es am Ende einen “Writing Prompt”. Das ist ein Vorschlag, worüber man in den folgenden 20 Minuten schreiben könnte. Diesen kann man befolgen, muss man aber nicht. Nach dem Schreiben beantwortet man ein paar einfache Multiple-Choice-Fragen, um die Lektion abzuschließen.

Der Kurs kann entweder im Rahmen einer Mitgliedschaft auf der Seite zusammen mit den anderen Kursen von Sean McCabe genutzt werden ($99/Monat oder $594/Jahr) oder er kann einzeln gekauft werden ($99). Ich habe mich für den Einzelkauf entschieden, weil ich an keinem der anderen Kurse interessiert bin.

War der Kurs ein Erfolg?

Ich habe mein Versprechen erfüllt und jede Lektion des Kurses am dafür vorgesehenen Tag bearbeitet. Das allein lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Der Kurs war ein Erfolg!

Inhaltlich sind die Lektionen durchwachsen. Einige, insbesondere zu Beginn des Kurses, enthalten wertvolle Tipps zum Strukturieren des Schreibprozesses. Viele Lektionen offenbaren aber nur wenig Gehaltvolles. Die guten Tipps habe ich mir notiert und versuche sie in meinem Schreibprozess zu berücksichtigen. Die wichtigsten kurz aufgelistet:

  • Strikte Trennung von Schreiben und Editieren
  • Strikte Trennung von Schreiben und Ideensammlung
  • Pflege eines redaktionellen Kalenders
  • Festen wöchentlichen Veröffentlichungsrhythmus anstreben
  • Immer 4-6 fertige Artikel Vorlauf haben

Abgesehen vom Inhalt hat es der Kurs geschafft, mich für 30 Tage täglich zum Schreiben zu motivieren, und somit habe ich – so hoffe ich – mit Hilfe des Kurses den größten Aufwand auf dem Weg zu einer Schreibgewohnheit bewerkstelligt. Bisher habe ich seit Abschluss des Kurses noch keinen Tag ausgelassen. Meine Tage haben recht unterschiedliche Abläufe, so dass es leider nicht möglich ist, jeden Tag zur gleichen Zeit und am gleichen Ort zu schreiben. Aber ich weiß im Voraus, wann ich an jedem Tag schreiben werde. Das muss reichen, um die Gewohnheit zu aktivieren.

Ich hoffe, dass sich durch das tägliche Schreiben meine Schreibqualität verbessert. Messbar ist das natürlich nicht, denn Klickzahlen sind dafür kein Anzeichen. Ich gehe aber davon aus, dass ich nach einiger Zeit einen Unterschied feststelle, wenn ich ältere und neuere Artikel miteinander vergleiche.

Was ich beim Durchführen des Kurses gelernt habe

Das tägliche Schreiben ist für mich ein Werkzeug, um mir über meine Gedanken klar zu werden, diese zu strukturieren und aufzuschreiben. Es gibt viele Themen, über die ich glaube, gut Bescheid zu wissen, über die ich mich aber überhaupt nicht artikulieren kann. Einige von diesen Themen habe ich im Laufe des Kurses gestreift. Ich habe festgestellt, dass wenn man seine Gedanken einmal klar niedergeschrieben hat, dass man sie dann auch in Gesprächen artikulieren kann.

Die Writing Prompts habe ich öfter ignoriert als beachtet. Gerade am Anfang haben sie mir einige wertvolle Denkanstöße zum Schreiben gegeben. Gegen Ende ging es immer mehr ums Verkaufen und daran habe ich kein Interesse. An den meisten Tagen hatte ich kein festes Thema, sondern habe meinen Gedankenstrom niedergeschrieben. Das hat meist sehr belanglos begonnen, indem ich über meinen aktuellen Tag geschrieben habe. In fast jeder Schreibsitzung kamen aber trotzdem im Laufe der Zeit Gedanken dazu, die ich sehr wertvoll fand und die mit Sicherheit weitergenutzt werden können.

Durch das häufige Gedankenstrom-Schreiben ist meine Schreibgewohnheit im Laufe des Kurses zu einer Art Tagebuch geworden. Dabei habe ich mit der Zeit festgestellt, dass sich das Schreiben aus Versehen selbst strukturiert hat. Ich schrieb nicht blind alle meine Gedanken auf, sondern alles, was mir zu einem Thema eingefallen ist. Dann habe ich das Thema gewechselt und dazu alles aufgeschrieben usw. Das habe ich so lange gemacht, bis die Schreibzeit abgelaufen war.

Aus den produzierten Texten haben sich eine Menge Artikelideen ergeben, von denen viele bereits in einem ersten Entwurf vorliegen. Diese müssen zwar noch bearbeitet werden, aber grundsätzlich ist viel Inhalt entstanden, bei dem ich mir eine Veröffentlichung vorstellen kann. Ich hoffe, dass ich die Texte zügig editieren kann um schnell in meinen wöchentlichen Veröffentlichungsrhythmus zu kommen. Ich möchte zunächst sechs Artikel fertigstellen, bevor ich anfange, zu veröffentlichen.

Interessant fand ich, dass viele unerwartete Gedanken und Verknüpfungen mit vorhandenem Wissen beim Schreiben entstanden sind. Ich weiß noch nicht genau, woran das liegt. Ich lese schon länger regelmäßig Sachbücher. Ich hatte aber immer das Gefühl, dass ich nach dem Lesen trotz vieler Notizen nicht viel verinnerlicht habe. Ich frage mich, ob es auch mit der Schreibgewohnheit zusammenhängt, dass ich mehr Inhalte abrufen kann. Vielleicht haben sich solche Verknüpfungen auch schon früher ergeben, aber sie sind wieder verloren gegangen, weil ich sie nicht niedergeschrieben habe. Das klingt plausibel. Wenn das so ist, freue ich mich auf noch viele weitere Verknüpfungen, auf die mich diese Schreibgewohnheit bringen wird. Es scheint mir nicht mehr unrealistisch, immer neue Inhalte zu generieren. Es ist wie Patrick Rhone in seinen Buch “Some Thoughts About Writing” schreibt: Man muss nur sein Leben leben und dabei aufmerksam sein. Mehr braucht man nicht. Ich glaube er hat Recht. Ich spüre beim Niederschreiben dieser Gedanken Freude. Entsprechend dankbar bin ich 30 Days to Better Writing dafür, dass es mir hilft, meine Schreibgewohnheit zu etablieren. Das ist mehr wert als die 100$, die ich dafür auf den Tisch gelegt habe.

Ist der Kurs empfehlenswert?

Würde ich 30 Days to Better Writing empfehlen? Ich bin sehr froh darüber, den Kurs absolviert zu haben. Inhaltlich ist er für das, was er ist, sehr teuer. Aber der Inhalt ist fast Nebensache und nicht der Kern dessen, um was es in dem Kurs geht. Der Kurs möchte dabei helfen, eine tägliche Schreibgewohnheit zu etablieren. Und das schafft er durch seine Struktur hervorragend. In den ersten Tagen wird darauf eingegangen, wie man seinen Schreibprozess strukturiert. Gerade diese Lektionen waren auch inhaltlich sehr wertvoll für mich. Im weiteren Verlauf des Kurses sind viele Lektionen schwach, aber das macht nichts. Ich empfehle den Kurse jedem, der eine Schreibgewohnheit etablieren möchte und bereit ist, sich zu 30 Tagen täglichem Schreiben zu verpflichten.

Hast Du auch eine tägliche Gewohnheit oder versuchst eine zu etablieren? Welche ist das und auf welche Weise möchtest Du die Gewohnheit erreichen? Ich freue mich über Deine Antworten in den Kommentaren. Bitte teile den Artikel in Deinem Netzwerk, wenn er Dir gefallen hat. Du kannst mir außerdem auf Twitter folgen.